Gärtnern,  Unterwegs

“Grün-er-leben” – 4. Freckenhorster Forum für Gartentherapie

Es ist diesmal ein ungewöhnliches Beitragsbild – die Kapelle in der LVHS – Freckenhorst.
Das ist für mich der schönste Ort in der Landvolkshochschule. Die alte Kapelle war dunkel und eng. Nach einem Brand wurde der Neubau in die Natur geöffnet. So das alle im Einklang mit der Natur sein können.
Irgendwie ist das für mich auch ein Sinnbild für die Gartentherapietage. So viele Menschen finden Kraft und Ruhe in der Natur und im Garten.
Da liegt es doch nahe den Garten und die Natur um uns herum therapeutisch zu nutzen.

Das 4. Mal waren jetzt die Grün-er-leben Tage in Warendorf-Freckenhorst. Drei Tage, in denen nicht nur über das große Feld der Gartentherapie gesprochen wurde, sondern wir es auch selber erleben durften.

Erster Tag

Kunst & Garten im Färbergarten Gewelsberg

Das Vicus-Treff Gevelsberg ist eine Tagesstätte für Menschen mit Behinderung im Ruhestand. Es ist ein Ort der Begegnung mit sehr vielen Angeboten zur Freizeitgestaltung.
Eines davon ist die Gartentherapie.
Mit der Gartentherapeutin Carmen Feldhaus ist dort ein Färbergarten entstanden. Gemeinsam werden Pflanzenfarben hergestellt und dann zu Kunstwerken verarbeitet. Die Künstlerin Maryam Farmanyeh aus dem Iran ist mit voller Begeisterung mit dabei.
Der Färbergarten gehört zum Färbergarten – Netzwerk “sevengardens”. Das ein sehr spannendes, weltweites Projekt, durch die UNESCO anerkannt. Es war geplant, das beim Vortrag mehr Menschen aus der Vicus Treff dabei sind. Die Leiterin Katrin Dahlke wollte mit Maryam Farmanyeh und Klienten mit dabei sein. Leider kam Corona dazwischen.

Sehr schade. Es wäre für alle sicher eine berührende Erfahrung gewesen, wenn die Klienten ihre eigenen Bilder selber vorgestellt hätten. So konnten wir nur die bezaubernden Bilder bewundern.
Carmen Feldhaus berichtete von ihrer Arbeit mit den Menschen mit Behinderung und den Pflanzenfarben. Sie haben schon viele Pflanzen ausprobiert, alles dokumentiert und dabei viel Spaß gehabt.
Danach durften wir auch mit Rotkohlfarbe malen. Das hätte ich noch stundenlang machen können. Sobald Kreide, Natron oder Asche in die Farbe gestreut wurde, gab es wunderbare Farbspiele. Das Bild veränderte sich und ich konnte richtig darin eintauchen. Das hat allen sehr viel Freude gemacht.

Was ist Demenz?

Demenz ist ein Thema, wo es jedem etwas mulmig wird. Keiner von uns möchte damit konfrontiert werden. Weder als Betroffener noch als Angehöriger.
Petra Klee-Krieger ist Fachtherapeutin für dementielle Erkrankungen, Heilpraktikerin und Physiotherapeutin. Sie hat es verstanden uns, ohne viele medizinische Fachausdrücke, die Demenz näher zu bringen.
Wir haben einen Einblick in die Vielschichtigkeit dieser Krankheit bekommen. Was jeder von uns Präventiv tun kann und wie heilsam die Gartentherapie dabei ist.
Über den Demenztest, den wir alle danach gemeinsam gemacht haben, rede ich lieber nicht soviel…… der war richtig schwierig und meine Punktzahl unterirdisch.

Das Herz wird nicht dement

Die Krankheit hat nichts von ihrem Schrecken verloren, aber diese Aussage der Referentin ist fest in meinem Gedächtnis verankert.

Gartengestaltung für Menschen mit Demenz

Ulrike Kreuer ist Dipl.-Ing Gartenbau, Gartentherapeutin und gestaltet mit Leidenschaft Gärten für Menschen in Altenheimen.
Der dritte Frühling – gibt es einen passenderen Namen für ihr Unternehmen? Seit vielen Jahren gestaltet sie Therapiegärten gemeinsam mit den Bewohner und den Pflegekräften. Denn nur was sich gemeinsam entwickelt wird auch genutzt und wertgeschätzt.
Mit viel Humor hat sie von ihren Erfahrungen und Erlebnissen berichtet. Welche Probleme auftreten können und wie sie damit umgeht. Gartengestaltung in einem Altenheim ist etwas ganz anderes als im Privatgarten. Die Bewohner haben andere Bedürfnisse und reagieren auch ganz anders.
Sie baut in den Gärten sogenannte Dockingstationen auf. Dort hängen dann z.B. Laubharken – und schwupps schnappt sich einer der Bewohner die Laubharke und fängt an das Herbstlaub zusammen zu harken.

Auch das ist Gartentherapie.

Zweiter Tag

Wir fuhren, mit dem Bus, nach Ostwestfalen. Drei spannende Ziele wurden angesteuert. Der Wetterbericht versprach nur etwas Regen, allerdings war es sehr kalt.

Schulbauernhof Bielefeld-Ummeln

Seit über 30 Jahren werden dort Freizeiten für Schulklassen und Gruppen angeboten. Dabei geht um nachhaltiges Lernen und viel Naturerlebnis.
Der erste Eindruck war gleich überraschend. Der Schulbauernhof liegt mitten im Wald. Weit ab von irgendwelchen Ablenkungen.

Dieser Bauernhof macht wirklich Schule. Die Kinder kommen in eine ganz andere Welt. Brauchen plötzlich keine Handys mehr, weil es viel spannendere Dinge zu entdecken gibt.
Tiere versorgen, ausmisten, Eier einsammeln, Gemüse ernten und damit kochen, im Tümpel keschern, Lagerfeuer, Holzarbeiten…..

Wer von uns wäre da nicht auch gerne als Kind gewesen? Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit ist es für Kinder sicher ein unvergessliches Erlebnis.

Speisekammer auf dem Biohof Brinkmann

Von Bielefeld aus ging die Fahrt weiter nach Lage zum Biohof Brinkmann. Auf 38 ha gibt es dort schon seit 40 Jahren Bio-Anbau. Bereits in der zweiten Generation wird er jetzt von den Schwestern Inken und Wiebke, mit Unterstützung der Eltern, Birgit und Friedhelm Brinkmann, bewirtschaftet.
Ein Unverpackt Hofladen, Seminare, eigenes Brot, ein kleines Café und auch Backkurse mit Übernachtungen gibt es zu entdecken.

Dort hörten wir nicht nur viel über nachhaltige Landwirtschaft, sondern wurden auch kulinarisch verwöhnt.
Gegen unsere kalten Füße gab es einen warmen Punsch aus vielen Wildfrüchten. Der Seniorchef zeigte uns alte Getreidesorten, wie Purpurroggen, Waldstaudenroggen oder Emmer. Dazu gab es direkt das passende Brot zum probieren.
Dann kamen die netten Mädels schon wieder mit einer Geschmacksexplosion um die Ecke. Selbstgebackene Brothäppchen mit einem Aufstrich aus fermentierten Staudenknöterich.
Etwas später gab es Kürbissuppe mit Schlehensahne und zum Kaffee ein warmes Kuchenteilchen mit Maronenmus.
Das war alles ungewohnt und dabei so lecker.

Für mich war der Bereich Bodenbearbeitung sehr interessant. Dort wird wirklich sehr schonend mit dem Ackerboden umgegangen. Mit einem eigenem Tiefenlockerer wird die Flugsohle vermieden. Dazu wird mit Pferdekompost und Komposttee gearbeitet.

Es war dort so spannend, das unsere Seminarleiterinnen Mühe hatten uns wieder in den Bus zu bekommen.

Faba – Naturprojekt

Faba steht für Familien und Balance und gleichzeitig für die Acker- oder Puffbohne, Vicia faba. Sie ist auch die Logopflanze des Projektes.
Renate und Rainer Bethlehem leiten dieses integrative Naturprojekt zur Unterstützung von Kindern aus Familien mit Sucht-/psychischen Erkrankungen.
Dabei geht es um Prävention. Acht Kinder im Alter von 8 bis 11 Jahren treffen sich zu 12 Gruppentreffen in dem großen Garten. Sie selber sind nicht erkrankt und müssen über Gruppenfähigkeit verfügen. Ziel ist es die psychische Widerstandskraft der Kinder zu stärken.

Durch den Aufenthalt mitten in der Natur, Ernten und Verarbeiten von Gemüse, Umgang mit Tieren, kreativ sein Unabhängig sein von der Stimmung der Eltern, erleben sie völlig neue Dinge. Dadurch werden sie selbstbewusster und stärker.
Es war beeindruckend dem Ehepaar Bethlehem zuzuhören. Sie haben mit soviel Empathie von ihrer Arbeit berichtet.
Da ist niemand von uns unberührt geblieben.
Der ganze Garten gab diese Stimmung wieder. Ein wirklich heilsamer Garten.

Komplett durchgefroren traten wir unsere Heimreise ein. Zum Abendessen machten wir Halt im Landgasthaus Pappelkrug in Halle. Dort wollten fast alle erstmal einen warmen Tee um sich aufzuwärmen. Beim leckeren Essen klangen die vielen Erlebnisse noch lange nach.

Dritter Tag

Nach dem reichhaltigen Frühstück und der immer wieder schönen Morgenandacht in der Kapelle, starteten wir in den letzten Tag.

Waldbaden – zurück zur Natur

Diesmal waren wir besser vorbereitet – zwei Paar Socken, dicke Schuhe, Pullover, Weste, dicke Jacke, Mütze und wer hatte auch Handschuhe.
Nach einem kurzen Vortrag von Jürgen Dawo ging es direkt in den herbstlichen Wald von Freckenhorst. Jürgen Dawo war ein sehr erfolgreicher Unternehmer bis ihn Burn-Out mit voller Wucht den Boden unter den Füssen wegzog.
Während seines Klinikaufenthaltes lernte er die Heilkräfte des Waldes kennen.
Daraufhin gründete er das Waldresort am Nationalpark Hainich. Der Hainich ist ein beeindruckender Buchenwald in Thüringen. Mit Baumwipfelpfad und Urwald.

Diese Stunden im Wald waren für mich ein ganz besonderes Erlebnis. Bäume sind mir sehr wichtig und berühren mich immer sehr tief.
Aber wann nehme ich mir schon mal soviel Zeit um mich schweigend, langsam und voller Achtsamkeit durch den Wald zu bewegen?
Oder mich still 15 Minuten an einen Baum anzulehnen und dabei die Augen zu schließen? Dabei nur zu hören und zu fühlen?
Ich wäre auch niemals auf die Idee gekommen bei den Temperaturen Schuhe und Strümpfe auszuziehen. Und dann auch noch völlig blind, nur ein dünnes Seil als Führung, von einem Baum zum nächsten zu gehen.

Das war mein persönliches Highlight an dem Morgen – barfuß und blind durch den Hagenwald laufen.
Waldbaden ist etwas von dem ich noch mehr erfahren möchte.

Gartentherapie mit Strafgefangenen in New York

Nach dem immer, wieder so leckerem Mittagessen, wurde es international. Per Zoomschaltung waren wir direkt mit New York verbunden.
Mechthild Kurs, eine echte Schwäbin, arbeitet als Gartentherapeutin im Gefängnis Rikers Island. Das ist schon ein ganz spezieller Arbeitsplatz. Sie ist dort seit 2005 im Team der Gartengesellschaft New York tätig.

In sieben Gärten wird dort therapeutisch gearbeitet. Viele der Strafgefangenen sind Untersuchungshäftlinge oder sind nur für eine kurze Zeit verurteilt.
Melanie Kurz hat auch nichts über Haftbedingungen o.ä. gesagt. Es ging ausschließlich über Gartentherapie. Die Menschen sind sehr glücklich, wenn sie in den Gärten arbeiten können. Sie sind dann an der frischen Luft und in der Sonne.
Ziel ist es, sie so zu stärken, das sie wieder im Leben Fuß fassen können.
Das ist schon eine ganz andere Welt. Und auch da kann Garten heilsam sein.

Drei wunderbare Tage gingen zu Ende. Zum 4. mal wurden die “Grün-er-leben” Tage in der LVHS Freckenhorst angeboten. Freckenhorst gehört zu Warendorf im schönen Münsterland.
Ganz lieben Dank an Karin Ziaja von der Landvolkshochschule, Anja Birne und Carmen Feldhaus. Diese drei sind der Motor der “Grün-er-leben” Tage., dem Freckenhorster Forum für Gartentherapie und naturgestütztes Leben & Lernen.

2 Comments

  • jahreszeitenbriefe

    Was für ein berührender Beitrag. In so manchem finde ich mich wieder in Erinnerung an meine Weiterbildungen und meine berufliche Arbeit in Pädagogik und Therapie. Und wenn ich an die noch etwas öde Grünanlage unseres neuen Altenpflegeheims hier im Ort denke, da wäre mal ein Impuls zu setzen. Liebe Grüße Ghislana

  • Susanna

    Hallo Barbara,
    das klingt nach einem inhaltlich sehr reichen Wochenende. Ich bin beeindruckt, welche tollen und verschiedenen Projekte vorgestellt wurden! Besonders die Gestaltung von Gärten für Menschen mit Demenzerkrankungen ist ja ein wichtiges Thema: Pflanzen berühren, sich von ihnen berühren zu lassen, an Erinnerungen anknüpfen und schließlich vertraute Arbeiten wider tun können wie das Laub harken.
    Auch die Projekte für Kinder, die wieder in die Natur gebracht werden und denen Natur nahegebracht wird: da können sie mit allen Sinnen dabei sein, Anteil am Wachsen und Werden haben und werden im wahrsten Sinn des Wortes geerdet. Ich habe selbst einmal mit Kindern in einem Schulgarten gearbeitet und gesehen, wie eifrig die Kinder bei der Sache sind, wenn sie in ihrem Tun ernst genommen werden. Leider konnten wir es nicht fortsetzen, weil es “zu personalintensiv” war …
    Vielen Dank für den interessanten Beitrag,
    liebe Grüße,
    Susanna

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