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1000 jährige Linde – ein Baum wie eine Burg

Im Emsland steht der stärkste Baum Deutschlands:
Die „Tausendjährige Linde“ oder „Dicke Linde“ von Heede.
Heede gehört zu Gesamtgemeinde Dörpen und liegt in der Nähe von Papenburg.

Und ich bin seit 40 Jahren schon ganz oft in Dörpen auf Verwandtenbesuch gewesen und habe es nicht gewusst!! Jedes Jahr sind wir, oft sogar mehrmals, direkt an Heede vorbeigefahren. Aber irgendwie ist mir dieser tolle Baum nicht bewusst gewesen. Bis ich im Winter etwas über die Linde gelesen habe und wir im Februar 2021 einen Abstecher machen konnten.

Diese mächtige Sommerlinde, Tilia platophyllos, ist seit 2014 bundesweiter Champion Tree, gekürt von der Dendrologische Gesellschaft (DDG) und der Gesellschaft Deutsches Arboretum (GDA)
Seit 2019 ist sie sogar Nationalerbe-Baum, einer Initiative zum Schutz unserer Uraltbäume.

Die Maße des mächtigsten Baums Deutschland sind beeindruckend:

  • ca. 18 Meter Stammumfang
  • Durchmesser ca. 6 Meter
  • 3 Meter hoher Baumstamm mit einer 16 qm großen ebenen Fläche
  • 30 Meter Kronenumfang
  • 24 Meter Höhe
  • 9 starke Stämme

Wie alt sie wirklich ist, kann man nicht genau sagen. 1000 Jahre werden es wohl nicht sein. Ursprünglich gab es dort eine Burganlage. Als die Schärpenburg 1470 umgebaut und erweitert worden ist, kann es sein, das sie um die Linde drum herum gebaut worden ist. Andere vermuten jedoch, das sie da erst gepflanzt worden ist.
Nachweißlich ist sie 1673 von schwedischen General Rabenhaupt aber wohl gerettet worden. Der lies die Schärpenburg zerstören, verschonte aber die Linde. Wie schön, das er ein Baumfreund war, sonst könnten wir uns jetzt nicht an diesem faszinierenden Baum erfreuen und uns Gedanken über ihn machen.

Irgendwie sieht sie schon etwas wunderlich aus. Dieser dicke, knorrige und nur 3 Meter hohe Stamm, von dem 9 starke Stämme ausgehen. Alles etwas Linden untypisch.
Eigentlich waren es wohl 13 bis 15 Stämme. Früher wurden Schloss- oder Burglinden so häufiger angezogen. Man pflanzte eine Anzahl junger Linden im Kreis und lies sie zusammenwachsen. Durch geeignete Einschnitte sorgte man dafür, das sie sich untereinander verbanden. Dadurch entstand dann ein kompakter Stamm, mit einer erhöhten, ebenen Fläche.

ca. 16 qm große Fläche auf 3 Meter Stammhöhe

Bis 1960 gab es auch eine Plattform. Dort haben schon Fürstbischöfe getafelt, Priester Gottesdienste gehalten und Kanonen gestanden. Noch heute wird unter der Linde der Fronleichnamsgottesdienst gehalten und der Schützenkönig proklamiert. Die Linde ist fest im Brauchtum verankert.
Allerdings war sie wohl nie eine Tanzlinde, wohl aber wäre ein Femgericht denkbar.

Vieles liegt im Dunklem und ich wünsche mir, das sie doch selber erzählen könnte, wie sie denn so geworden ist und was sie alles erlebt hat.
2014 ist sie genetisch untersucht worden und dabei ist festgestellt worden, das sie genetisch ein Baum ist. Sie ist also ein Baumindividuum…. Fragen über Fragen.

Sie hat auch schon viele Baumsanierungen überstanden. 1957 hat sich, der damals sehr bekannte, Baumchirug Michel Maurer um sie gekümmert. Wie es damals Stand der Technik war, hat er Totholz entfernt, Eisenringe eingezogen und die Hohlräume zugemauert.
1967 kam Alois Bernatzky zur Sanierung. Er hat die Stämme wieder geöffnet und abgestorbene Äste entfernt. Die, mittlerweile eingewachsenen, Eisenringe wurden durch Stahlseile ersetzt und eine Tiefendüngung durchgeführt.
Immer wieder wurden Sanierungen durchgeführt um die Linde vital zu halten. Für mich ist das sehr spannend. Ist es doch ein wenig ein Streifzug durch die Entwicklung der Baumpflege.
Vom Baumchirug, der mit Skalpell und Beton arbeitet, bis hin zum heutigen Baumpfleger, der mehr mit der natürlichen Lebensweise des Baumes arbeitet, hat sich viel verändert.

Wurde früher sehr viel an alten Bäumen herumgeschnitten, gesäubert und trockengelegt, so wird jetzt der Baum mehr in seiner Lebensweise unterstützt. Die Baumpfleger arbeiten dynamischer und schonender. Mehr im Einklang mit der Natur. Oberstes Ziel ist, und war es auch immer, die Linde vital und gesund zu erhalten. Und vital ist sie, davon zeugen starke, junge Äste. Überraschenderweise ist der Stamm auch noch lange nicht so hohl, wie ich es auf Grund der Stärke des Stammes vermutet hatte. Ein weiteres Rätsel.

Für mich ist der Besuch bei solch einem Methusalem immer etwas sehr besonderes. Ich könnte Stunden mit dem Baum verbringen, um ihn von allen Seiten zu betrachten. Aber auch um ihn zu berühren und mich an ihn zu lehnen. Diese Zwiesprache hat für mich etwa ganz Einzigartiges. Ich habe dann auch den Wunsch alles mit der Kamera zu erfassen. Das ist nicht so einfach und Fotos geben die Ausstrahlung nur gemindert wieder.

Champion Tree und Nationalerbe-Baum sind beides Titel, die die „Dicke Linde“ verdient hat. Ich wünsche mir, das so etwas noch viel mehr in das Bewusstsein von uns Menschen verankert wird.
Wie toll solche Bäume sind, einmalig und unersetzbar.
Das sie unsere Wertschätzung verdienen und geschützt werden müssen.
Solche Bäume zeigen uns, in welchen Zeitspannen wir bei Bäumen denken sollten und wie alt sie werden könnten…….
wenn sie denn richtig behandelt werden!!!!!
Wenn diese Linde in jungen Jahren, das wären bei ihr so im Alter von 80 Jahren, komplett gekappt worden wäre – hätte sie dann diese Pracht erreichen können? Wohl kaum!!!
Und doch sehen wir solche, nicht fachgerechten „Baumpflegeaktionen“ so oft.
Deshalb denkt an diesen Baum, bevor ihr bei euren Bäume die Säge ansetzt und fragt euch vorher gründlich, ob der Schnitt sein muss und ob er wirklich fachgerecht und baumschonend ist.

One Comment

  • kleiner-staudengarten

    Welch ein prachtvolles Exemplar und solch ein unglaubliches Alter – so eine Freude, diesen Baum noch so vital zu sehen, liebe Barbara. Dein Baum wäre durchaus etwas für die Linkparty „Mein Freund, der Baum“, die bei Le monde de Kitchi jeden Monat neu aufgelegt wird. Ich verlinke dort auch gerne meine Beiträge. Heute hörte ich schon von Weitem den Baumpfleger mit großem Hubsteiger, da beschleicht mich immer ein mulmiges Gefühl.
    Lieben Gruß und hab eine schöne Woche, Marita

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